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Kleinvieh macht auch Mist
Vor dem Fenster fielen dicke Schneeflocken. Claus blinzelte unter seiner Decke hervor und stöhnte. „Wie soll man bei dem Wetter Ostereier finden?“
Gestern noch hatten sie bei strahlendem Sonnenschein im Bethmann Park einen Spaziergang gemacht. Eigentlich langweilten Claus solche Ausflüge. Er spielte lieber mit seinen Freunden Fußball. Tante Clarissa war zu Besuch. Die erzählte viel, wenn der Tag lang war und gluckste nach gefühlt jedem fünften Satz. Sie verstand es aus einem Park wie diesen einen Schauplatz der Superlative zu machen. Mit seinen fast dreizehn Jahren war er eigentlich zu alt für so einen Kinderkram. Doch ihre Geschichten bescherten ihm Träume, die abstrus und zugleich so real waren, dass er beseelt aufwachte. Selbst sein Smartphone war vergessen, wenn sie loslegte. Dann hatte er das Gefühl es mit der Welt aufnehmen zu können. Selbst mit Louis, einem Klassenkameraden, der sogar die Lehrer in Atem hielt, war nichts als ein kleiner Wicht.
Clarissas Worte hatten den chinesischen Gartenfiguren Leben eingehaucht. So wunderte es ihn nicht, als ihn das Gefühl beschlich, ein Steinlöwe zwinkere ihm zu. Kurz darauf trat er fast über ein Schokoladenei, das vor seine Füße rollte. Sofort drehte er sich nach seiner Tante um, die mit der Hand die Augen abschirmend, gebannt in den Himmel blickte. Aus ihrer Tasche lugte die Ecke einer Bonbontüte. Er grinste, hob das rosa Ei auf steckte es in seinen Rucksack. Kurz überkam ihm der Wunsch, es Louis bei nächster Gelegenheit an den Kopf zu schleudern. Energisch schob er den Gedanken an diesen Zeitgenossen beiseite. Er hatte Ferien und wollte sich nur mit guten Dingen befassen.
Ein Gähnen holte ihn zurück ins Hier und Jetzt dieses Morgens. Er streckte sich und stellte sich vor, dass seine Knochen und Muskeln sich dehnten, um seiner Wunschgröße von einem Meter neunzig näherzukommen. Da stieß Claus mit dem Fuß an eine Kiste, die über die Bettkante zu Boden fallen drohte. Ohne den Kontakt abzubrechen, reckte er sich ausgiebig und schüttelte den Schlaf aus seinen Gliedern. Er trat die Decke aus dem Bett und starrte auf den Behälter, der schnörkellos verpackt auf der Matratzenkante parkte.
„Na, das war ja einfach“, murmelte er und robbte an das Ostergeschenk ran. Eine Playstation Acht 😉 war es nicht, das erkannte er messerscharf. Sein Smartphone hatte er erst vor ein paar Wochen geschenkt bekommen. Ein Vibrieren unter seinem Kopfkissen kündigte eine Nachricht an. Claus schluckte. Bestimmt wieder eine von Louis, der sich mal wieder ihn rausgepickt hatte.
Durch die Ritze seiner Tür drang der warme Duft von frisch gebrühtem Café. Seine Unruhe konnte es nicht dämmen. Er griff nach dem Holzkasten und versuchte die Tür aufzuschieben. Sie bewegte sich kein Stück. Er versuchte es erneut und zuckte bei einem klopfenden Geräusch zurück. Die Kiste fiel zu Boden. Mit aufgerissenen Augen verfolgte Claus den Weg. Erschrocken riss er die Hand zurück. Schmerz fuhr ihm durch den Zeigefinger. „Mist“, entfuhr es ihm. Seine Augen füllten sich mit Tränen, die er mit zusammengepressten Lippen wegdrängte. Er war kein Baby mehr, mahnte er sich.
Leises Klopfen an seine Zimmertür ließ ihn zusammenfahren. Zeitgleich summte sein Handy. Den Finger im Mund kam er auf die Füße und riss die Tür auf. Tante Clarissa warf eine Hand vor den Mund und murmelte eine Entschuldigung. „Habe ich dich geweckt, mein Lieber?“
„Das hat die Osterkiste schon getan. Ist die von dir?“
Claus hätte schwören können, dass ein wenig Farbe aus ihrem Gesicht wich, um flugs darauf eine frische Röte auf die Wangen zu zaubern.
Clarissa schob ihn sanft zur Seite. „Darf ich?“ Wie angewurzelt blieb sie stehen und starrte die Kiste an, die jetzt aufrecht vor seinem Schrank stand.
„Hast du die manipuliert, Tantchen? Die Kiste hüpft hier durch mein Zimmer.“
Clarissa Mundwinkel zogen sich nach oben. Sie klatschte in die Hände. „Hallelujah“, lachte sie und drehte sich im Kreis. „Du hast nicht zufällig einen Splitter im Finger?“
Verdutzt hielt Claus ihr seinen Zeigefinger hin und stutzte. Dort, wo das Stück Holz unter seine Haut gedrungen war, leuchtete es neongelb. Es zwirbelte und kitzelte. Bevor er es sich versah, war das Teil verschwunden. Nur ein winziger Punkt zeugte davon, dass er sich soeben etwas eingehandelt hatte.
„Was hat du mir denn da eingebrockt?“, insgeheim zählte er die Fragen, auf die er keine Antworten erhalten hatte.
Die Hände in die Hüften gestemmt baute er sich vor seiner Tante auf. Es sah ihm gar nicht ähnlich sich so aufzuplustern, aber seine Neugierde überwog. „Raus mit der Sprache.“
„Glaubst du an den Osterhasen?“, fragte Clarissa augenzwinkernd.
„Sehe ich so aus?“ Zugegeben machte ihm das Eiersuchen immer noch Spaß.
Clarissa zeigte auf den inzwischen liegenden Kasten. „Ich verspreche dir, damit wirst du Spaß haben.“
„So wie ein sprechender Streifendalmatiner?“
Zu seinem sechsten Geburtstag war ihm auf einem Spielplatz ein verdreckter Stoffdalmatiner mit Streifen, vom vielen Streicheln, zugelaufen. Der hockte immer noch an seinem Bettende und hörte sich seine Sorgen an, wenn er welche hatte. Tante Clarissa hatte die Dalmatiner-Geschichte aufgeschrieben.
„Kleinvieh macht auch Mist“, murmelte seine Tante und tätschelte ihm die Schulter. Sie stieß einen langen Seufzer aus und strich sich die Hose glatt. „Mein Zug geht in drei Stunden. Frühstück ist fertig und die Ostereier sind im Haus verteilt. Bei dem Schneegestöber fröre ja die Füllung in der Schale.“
Sie schob sich an Claus vorbei und trällerte beim Hinausgehen ein „Guten Morgen, Sonnenschein“. Er schloss die Tür und lehnte sich an das kühle Holz. „Merkwürden“, flüsterte er und rollte die Zehen gen Decke.
„Von wegen Merkwürden“, kam es dumpf aus Richtung der Holzkiste. Zeitgleich vibrierte wieder sein Smartphone und warf einen Schatten auf die Ferienstimmung.
„Würde der Herr die Güte besitzen, mal die Luke zu öffnen?“ Die Holzkiste robbte, wie von Geisterhand bewegt, auf Claus zu. Die Holzplatte ließ sich butterweich aufschieben und ein Stoffhase, so lang wie sein Arm, glotzte ihn an. Claus lachte und zog den Zeitgenossen an den Ohren.
„Hey,“ protestierte der Hase lautstark. „Soll ich dir mal die Lauscher langziehen?“
„Sehe ich aus, als ob ich welche hätte?“ Claus drehte sein Ohr in Richtung des Plüschhasen. Es brannte ihm unter den Fingernägeln herauszufinden, was es mit diesem sprechenden Teil auf sich hatte. Das Teil zwickte ihm kräftig ins Ohr.
„Au“. Claus schob den neuen Freund beiseite.
„Hörmuscheln, aber nicht zu knapp.“ Mit einem Salto rückwärts landete das sprechende Ostergeschenk auf seinen Hinterläufen.
Claus rieb sich das Ohrläppchen. Wieder vibrierte sein Smartphone. Es ging ihm langsam auf den Zeiger. Das Langohr hüpfte mit zwei Sätzen zum Kopfkissen und starrte auf das Display. Claus schüttelte ungläubig den Kopf. „Kannst du mir vielleicht verraten, was hier vor sich geht?“
Der Hase ging nicht auf seine Frage ein, sondern stieß stattdessen einen langen Pfiff aus. Mit der Pfote strich er über das Display. „Das lässt du dir gefallen?“
Unschlüssig, ob Claus die Frage beantworten sollte, rutschte er an die Wand und stopfte sich ein Kissen in den Rücken. „Ich bin Claus“, stellte er sich vor. „Und du?“
„Ich nicht.“
Claus schluckte einen aufkeimenden Lacher runter. Dem unbewegten Gesichtsausdruck des Besuchers nach zu urteilen, war dies nicht als Witz gemeint. „Dann nenne ich dich Fridolin“, wagte er einen Vorstoß.
„Von mir aus“, brummte der Hase und scrollte weiterhin durch den Klassenchat. „Wenn du sonst keine Probleme hast.“ Fridolin Hase warf Claus das Smartphone auf den Schoß. Blitze schossen aus seinen Augen. „Du bis sowas von einem Opfer, du Streber, Muttisöhnchen und blassgesichtiges Weichei. Claus, es ist aus.“
Aus dem Mund des Hasen klang es nicht halb so bedrohlich wie aus dem Mund von Louis, doch Claus schluckte. „Was soll ich dagegen sagen? Louis- ist so ein Aggro. Sein IQ reicht nicht mal von hier nach dort. Die Schule schafft der doch nur, weil er von uns Strebern abschreibt.“ Die Hände zu Fäusten geballt, wischte sich Claus über die Augen. „Ich will mich jetzt nicht ärgern. Du hast hoffentlich Ostereier versteckt, damit ich mich mit Schokolade vollstopfen kann.“ Trotzig reckte Claus das Kinn. Die Worte drangen wie Misstöne in sein Inneres und wühlten ihn auf. „Der Typ ist einfach zu stark. Sich gegen ihn aufzulehnen ist Selbstmord. Der ist ständig umgeben von anderen Schwachmaten. Ich kann mit Zahlen jonglieren, aber nicht mit Muskeln. Das ist nur leider die einzige Sprache, die dieser Depp versteht.“ Claus schluchzte wider Willen. „Dass ich mit einem Plüschhasen spreche, macht die Sache nicht besser.“
Fridolin sah ihn lange an. Dann schlug er seine Vorderpfoten zusammen, fiel jäh rücklings zurück in die Kiste und rührte sich nicht mehr.
Ein Schatten fiel auf sein Bett. Carla stand fertig angezogen vor ihm und reichte ihm die Hand. „Was geht ab, Bro?“ Ihr Blick glitt über den Hasen zu ihrem Bruder und blieb an einer Träne hängen, die Claus über die Wange lief.
„Wen soll ich verkloppen?“ Sie zwinkerte ihm zu und strich ihm beiläufig über die Hand. „Mit wem hast du gesprochen?“
Vor seiner Schwester waren ihm seine Gefühle nicht peinlich. Sie kannte ihn in und auswendig. Auf sie konnte er bauen. „Louis versprüht wieder sein Gift.“
Carlas Gesicht zog sich in die Länge. „Wieso gehst du nicht zum Direktor?“
„Dann bin ich wieder der Rassist und muss den Schulhof säubern.“ Claus zuckte mit den Achseln. „Es ist so ungerecht. Der beschimpft uns, und wir müssen Verständnis zeigen.“
Seine Eingeweide zogen sich zusammen. Sein bester Freund war Latino. Dem hatten seine Eltern eingebläut sich rauszuhalten. Es war ihm sowas von Wumpe, woher jemand kam. „Du sagst aber nicht zu Mama und Papa, dass ich einen Tadel wegen Diskriminierung am Hals habe, o.k.?“
„Das geht so nicht weiter. Dir geht es nicht gut. Das ist doch alles verrückt.“ Carla presste die Lippen zusammen und zeigte auf den Hasen. „Brat dem doch eins mit dem Kleinvieh über.“
Wider Willen musste Claus grinsen. „Du redest auch nur Mist.“ Er zuckte zusammen, als ihn jemand in den Knöchel zwickte. Ruckartig drehte er sich zu der Kiste um. Der Hase zog seine Hand zurück und verdrehte die Augen.
„Mir wird schon ganz schlecht, wenn ich an nächste Woche denke.“ Doch etwas sagte ihm, dass sich etwas ändern würde.
Ehe er es sich versah, waren die Osterferien zu Ende.
„Hey, geht mir aus dem Weg, du rothaariger Hexerich.“
Claus ging unter dem Schlag zu Boden. Er rieb sich die Schulter und drehte sich langsam zu Louis um. Die Augen der Mitschüler waren auf ihn gerichtet. Keiner half. Wut krauchte durch seine Adern. Sein Atem ging stoßweise.
„Und du siehst aus wie´ne angebrannte Bratwurst“, erwiderte er mit zusammengepressten Zähnen. Aus seinem Rucksack meinte er ein leises Kichern zu hören. Er rappelte sich hoch.
Die Augen seines Gegenübers weiteten sich überrascht. Das Weiß von Louis Augen bildete einen leuchtenden Kontrast zu seiner kaffeebraunen Haut. Er trat einen Schritt auf ihn zu. Murat und Ben standen dicht hinter Louis, die Lippen zu einem verächtlichen Grinsen verzogen. Claus starrte unbeeindruckt zurück.
Carlos zog an seinem Arm. „Komm, lass gut sein.“
Claus spürte die Angst seines Freundes. Er schüttelte die Hand ab und baute sich vor Louis auf.
Der stieß ihm den Finger unsanft in die Schulter. „Ich brate dir gleich eins über, du aufgedunsener Weißkäse….“. Claus taumelte, fing sich aber gleich wieder. Er nahm den Rucksack von seiner Schulter und schob ihn vor sich und die Bratwurst. Mit Sicherheit würde er dafür weitere Minuspunkte im Klassenbuch sammeln. „Du denkst wohl, du könntest dir alles erlauben?“
Louis trat einen Schritt vor, mit seinen Kumpels im Nacken. Claus schnaubte verärgert. „Halt dich von mir fern.“ Er rührte sich nicht von der Stelle und spürte Fridolin ein „Weiter so“ raunen.
„Sonst was?“ Louis höhnisches Lachen schallte über den Schulhof. Um sie herum hatte sich ein Kreis gebildet. Claus hoffte, dass es Louis abhalten würde, doch er schien das Publikum zu genießen. Sein heißer Atem schlug Claus ins Gesicht. „Warum bist du nur so ein Honk?“
Dem Schlag konnte er mit dem Rucksack abwenden.
Ein Fußtritt traf Claus in der Mitte des Körpers. Er schnappte nach Luft. Beißender Schmerz fuhr durch seinen Leib. Warum half denn keiner? Claus krallte sich an Louis Bein. Der versuchte ihn abzuschütteln und fluchte laut.
„Du kämpfst wie eine Schwuchtel. Hat dir das deine Akademiker Mami beigebracht?“
Protestierende Pfiffe waren zu hören. Claus spürte Adrenalin durch seinen Körper fahren. Ehe er denken konnte, biß er in Louis Hand und schmeckte Blut.
Louis jaulte auf und riss an seinen Haaren. Aber Claus spürte keinen Schmerz. „Du Idiot“, zischte er mit zusammengebissen Zähnen.
„Ich sehe hier nur einen armseligen Blödmann“, konterte sein Widersacher,
Claus kämpfte sich auf die Füße, doch bevor er zum Schlag ausholen konnte, wurde er zurückgezogen. Sein Atem ging immer noch schwer. Dass Hasenohren aus seinem Rucksack quollen, machte es nicht besser. Louis Hand löste sich aus seinem Haar und ließ einen prickelnden Schmerz auf der Kopfhaut zurück. Auch er fand sich im Griff von seinem Sportlehrer Hansen und Herrn Streicher, dem Direktor wieder. „Was ist hier los?“ Die Stimme des Direktors dröhnte über dem Schulhof. Selbst die Vögel schienen das Zwitschern einzustellen.
„Claus hat offensichtlich Probleme mit meiner Hautfarbe. Er ist auf mich losgegangen, und hat mich gebissen.“ Louis blickte den Direktor unschuldig an. Die Dreistigkeit mit der er die Tatsachen verdrehte, verursachte Claus Übelkeit.
Herr Streicher schaute von einem zum anderen.
Claus wand sich aus der Umklammerung. „Was ist dein Problem, Louis? Du disst uns und fängst dann an zu wimmern, wenn man Paroli bietet. Du hast noch nicht mal den Allerwertesten in der Hose, das zuzugeben. Kein Wunder, dass keiner dich mag.“
Louis Mundwinkel zuckten. „Rassist“, zischte er in Claus Richtung.
„Mir ist es total schnuppe, ob du schwarz, grün oder lila weiß gepunktet bist. Auf den Charakter kommt es an. Bei deiner Geburt war wahrscheinlich gerade das Angebot aus!“ Claus hatte die Hände zu Fäusten geballt.
Herr Streicher sah ihn streng an. „Kommt mit in mein Büro. Dort reden wir.“
Louis hatte es die Sprache verschlagen. Er sah aus wie ein Fisch, der nach Luft schnappte. Claus funkelte den Direktor an. „Wir veranstalten hier permanent diese Anti Rassismus Workshops und vergessen dabei, dass die Würde aller Menschen unantastbar sind. Den Klassen Chat können Sie gerne mal lesen. Ich nehme jedenfalls keinen Tadel mehr an, wenn ich mich als Weißkäse, Schwuchtel oder sonstwie beschimpfen lassen muss.“
Der Direktor trat unruhig von einem Bein aufs andere. „Ich denke, das reicht. Deine Eltern interessiert dein Fehlverhalten sicher brennend.“
Claus spürte einen Tritt aus seinem Rucksack und richtete sich auf. „Louis Eltern interessiert es sicher ebenfalls, dass der liebe Louis uns dauerhaft erpresst, damit wir ihn abschreiben lassen, weil wir ja so akademisch sind und er das arme Opfer.“ Er stampfte auf. „Was ist das für eine Schule, die nicht alle Schüler gleichbehandelt?“
Der Rucksack hüpfte ihm aus der Hand. Fridolin kullerte auf den Boden und gab Claus ein Zeichen weiterzusprechen. In der Tat waren alle Augenpaare auf ihn gerichtet. Dass den Hasen keiner bemerkte, wunderte Claus nicht.
Carlos trat neben ihn und legte ihm einen Arm um die Schulter. „Ich habe Latinowurzeln und Claus ist mein bester Freund. Er ist alles andere als ein Rassist, sondern der beste Freund, den man sich wünschen kann.“ Mit dem Kinn zeigte er auf Louis. „Das wird nachher wieder eine schöne Prügelei nach der Schule geben, weil wir ja nichts sagen dürfen. Dabei wäre es doch soviel einfacher, wenn wir hier alle zusammen halten.“
Dankbar lächelte Claus seinen Freund an. Hinter ihm stieß ihn jemand an. Claus warf einen Blick über die Schulter und sah die halbe Schule hinter ihm versammelt.
„Gleiches Recht für alle“, rief ein Mädchen und riss beide Hände in die Höhe. Selbst Fridolin riss die Arme hoch. Claus wusste, dass sein Teil für ihn erledigt war und nun ein neuer Mensch Hilfe brauchte. Denn der Hase verschwand nun in Louis Tasche. Dem standen mittlerweile die Tränen in den Augen. Der Mund des Direktors bewegte sich, doch seine Worte gingen im Geschrei unter. „Gleiches Recht für alle“ formierte sich ein Sprechchor. Carlos beugte sich zu Claus und rief ihm etwas ins Ohr. Claus nickte.
Mit großen Schritten ging er auf Louis zu und ergriff seine Hand. „Lass uns zusammenhalten, Digga. Alles andere macht keinen Sinn.“ In Erwartung einer brüsken Zurückweisung trat er einen Schritt zurück.
Louis hob langsam den Kopf und wischte sich über die Nase. Seine Augen glänzten verdächtig. „Kleinvieh macht auch Mist“, murmelte er und Claus musste sich nahe zu ihm beugen, um seine Worte zu verstehen. „Mein Vater ist ja nur Logistiker bei Amazon, gegen euch reiche Pinkel können wir nicht anstinken.“ In Louis Stimme war keine Bitterkeit zu spüren. Melancholie mischte sich in seine Stimme. „Ich bin der Quoten-Farbige.“ Sein schiefes Lächeln misslang.
„Das bescheuerte Wort hast du gesagt“, Claus wischte sich gespielt den Schweiß von der Stirn.
„Ohne euch würde ich hier durchrauschen auf dem Gymmi. Dabei soll ich es mal besser haben als meine Alten.“
Claus buffte Louis an. „Ich verstehe deine Komplexe nicht. Ist doch völlig latte, wer was von Beruf ist. Die Welt braucht jeden.“
Auf Louis Gesicht ging die Sonne auf. „Echt jetzt? So eine Meinung hätte ich so einem Lackheini wie dir gar nicht zugetraut.“
Louis jaulte auf, als ein Plüschfuß aus seiner Tasche ihn unsanft an seiner Wade traf. Verwirrt rieb er sich die schmerzende Stelle. „Wer ist das denn ?“
Einer Eingebung folgend öffnete Claus seine Arme und umarmte seinen ehemaligen Widersacher. „Fridolin wird dir guttun.“
Der Direktor drängte sich zu den beiden durch. „Wollt ihr mich auf den Arm nehmen? Erst die Pöbelei und jetzt dieses Best friends Getue?“
Louis murmelte ein „Entschuldigung“ zu Claus und schlug die Augen nieder.
„Kleinvieh macht auch Mist“, rief der Hase plötzlich und löste sich in Luft auf.